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Elsewhere

  • Autorenbild: irmabelic
    irmabelic
  • 7. Sept. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Sept. 2025

Es war einmal, elsewhere, nicht weit von hier, und doch. Zu einer anderen Zeit, ganz anders, und doch nicht lange her.

Es war einmal als die Sonnenstrahlen wieder golden waren, schräg auf die erwachende Wiese trafen, einen feuchten Schimmer durchbrechend, der sich als silbriger, feuchter Glanz in tausenden Tröpfchen über die Blumen, die Äste, ihr dunkelgrünes Blätterdach legte.


Die Gartenmöbel, das Vogelhäuschen, die Gummistiefel, rot - ein Socken hängt darin, eine Kappe gegen die Sonne, von der Oma aufgenötigt und möglichst schnell zufällig abgeworfen, liegt daneben, von gestern dort geblieben. Alles liegt vor der Türe, vergessen kurz vorm Abendbrot, feucht geworden über die Nacht, klamm, einen Duft und sanften Gruß des Sommers verströmend. Einen Hauch von Gold und Gedanken wie sanfte Nebel streut die Sonne als Morgengruss über die Wiesen.


Duft, Licht, Geräusch winken liebevoll und freundlich eine Idee von Abschied heran.


Das Kind spürt es, das Aufwachen riecht anders an diesem Tag, die Sonne kitzelt auf der Nase und drängt. Sanft aber bestimmt. Das Kind im Pyjama streckt sich und lauscht. Es hört Gespräch in der kleinen Küche gleich neben dem Schlafraum, vertraute Stimmen der Mutter, der Oma, ihre Betten sind leer, es riecht schon nach getoastetem Brot. Es hört das Geräusch des Toasters, das Brot ist also heraus gehüpft. Es weiß, die beiden Frauen sind längst beschäftigt.


Geräusche wie jeden Tag hier auf der Alm, viele Tage im Sommer, wenn das Kind die Mutter und die Oma für sich alleine hat.


Heute ist etwas anders. Es will nicht sofort hinaus in den Garten. Es blickt durch das Fenster, beschlagen und feucht, es sucht Socken, schlüpft hinein, denn der Holzboden ist überraschend kühl. Ein Rauschen fährt durch die hohen Nadelbäume vor seinem Fenster in der Stube, es tanzen die Blätter der Laubbäume, als wären sie gehüllt in ein schimmerndes Kleid. Zwei kleine Vögel umflattern das Vogelhäuschen im Baum. Das Kind versinkt in dem Anblick, es steht vor dem Fenster, schaut.


Das Kind geht durch die noch beschattete Veranda, es huscht an der geschlossenen Küchentüre vorbei - gleich wird jemand herauskommen- und öffnet die Haustüre. Ein Duft umhüllt es, nach feuchtem Waldboden, heute Morgen wohl schon gesammelten Pilzen, würzig und frisch. Eine Fliege summt durch die Türe herein und taumelt zu Boden. Das Kind stupst sie an, sie krabbelt davon.


Auf der Stiege schlüpft das Kind in die Gummistiefel, die roten Socken bleiben liegen. Es hört die Äste der Bäume knacken, etwas huscht durch die Heidelbeerstauden, ein Grashüpfer hüpft voran in die Wiese. Eine fette Spinne sitzt ähin ihrem vom Tau glitzernden Netz, zufrieden, nach getaner Arbeit. Das Kind erinnert sich an die benommene Fliege, will sie der Spinne ins Netz legen. So hat das der Vater vorgezeigt, wenn er an den Wochenenden ebenso auf der Alm war. Ein tagelang sehnsüchtig erwarteter Gast.

Die Fliege ist nicht mehr zu finden.


Das Kind  betrachtet die so weißen Wölkchen auf dem so blauen Himmel. Ein leichter Wind lässt es frösteln, es erinnert sich an den Duft des Toastbrotes, da ruft schon die Mutter.


Es wirft noch einen Blick auf das Vogelhäuschen, die aufgeregten Vögelchen, die zitternden Laubbäume, hält nocheinmal inne, atmet, sieht seinen Hauch in der kühlen Luft. Etwas ist anders. Klein, fein, kaum bemerkbar und doch hat sich etwas geändert über Nacht.


Während die Mutter den Toast mit Butter und Marmelade bestreicht, dem Kind nun ein Brotgesicht aus dem Teller entgegen lacht, und warmen Kakao in die Tasse füllt, hört es das Töpfchen mit kochendem Wasser in der Küche blubbern.


Das türkise Lavour steht schon bereit in der nun sonnigen Veranda. Eiskaltes Quellwasser aus dem Brunnen hat die Oma geholt, Waschlappen, Seife.

Bald wird das Spiel beginnen, das bisschen quengeln, weil das Wasser so kalt ist, das Locken der Omi, die neckend ein bisschen kaltes Wasser auf die nackten Füsse spritzen wird, das Kind das zappeln wird, wenn die Omi es, ins kratzige Handtuch gewickelt, mit den Zehen ins Wasser stellen will, einmal, zweimal, dreimal. Wenn die Omi dabei auch kaltes Wasser abbekommt und neckend, singend, schimpft. Sie wird dann doch das heiße Wasser aus der Küche holen, das Kind wird sich den Rücken waschen lassen, den Bauch, das Gesicht, wird wieder ein bissy quengeln und dann lachen, wenn die Oma es abtrocknen wird. Vor allem an den Füßen, wenn jede Zehe einzeln getrocknet wird und es kitzelt.


Alles ist wie jeden Tag hier auf der Alm, wie jeden Sommer. Jeden Sommer wird das türkise Lavour ein wenig enger.


In diesem Sommer stellt die Mutter das Auto bereits vor die Haustüre , während Oma und Kind sich den Waschspiel hingeben. In diesem Sommer ist der Kofferraum bereits gepackt. Die Wiese ist noch nicht einmal trocken, der Dunst gerade erst warm aufgestiegen, um später doch noch ein Sommertag zu werden. Die Gummistiefel, der Sack mit der Schmutzwäsche und obenauf rote Socken, die Kappe, die Pilze im Korb, alles ist im Kofferraum.


Das Kind bemerkt nun die Unruhe der beiden Frauen. Das Waschspiel war begleitet von Eile, weniger Singsang, einen Deut gröber war das Zehleintrocknen, kürzer die Umarmung mit dem angenehmen kratzigen Handtuch. Der Esstisch ist nach dem Abtrocknen der Füßchen schon abgeräumt, nun schließt die Mutter alle Fensterbalken, verräumt die Gartenmöbel in den Keller. In der Küche bedeckt kein Geschirrtuch die abgewaschenen Töpfe, sie sind verräumt. Das Kind kleidet sich an. Unterwäsche, Socken, Hose, Pullover, alles ist frisch bereitgelegt.


Schlafgewand, Handtuch, Wollsocken wandern von der Mutter zusammengesammelt zur Schmutzwäsche ins Auto.

Die Oma überredet das Kind die Spielsachen im Haus aufzuräumen. Sie hilft und ist dabei sorgfältiger als die letzten Wochen. Da blieb das eine oder andere liegen für den nächsten Tag.


Alle drei verlassen das Haus, die Mutter schließt den Kofferraum des Autos. Die Oma steigt ein, nimmt Platz am Beifahrersitz. Das Kind läuft zum Vogelhäuschen, verweilt einen Moment unter den tanzenden Blättern des Laubbaums. Als würden die Blätter winken, während das Kind die schwere Kellertüre knarren und mit einem Ruck ins Schloss fallen hört. Die Mutter fährt das Auto in die Auffahrt, bleibt stehen hinter dem hölzernen Einfahrtstor. Die Omi ruft das Kind, fordert es fröhlich auf bitte das Tor zu schließen und dann einzusteigen.


Am Tor blickt sich das Kind noch einmal um. Es kommt ihm vor, für einen Augenblick, als wollte es diesen Anblick bewahren. Den Geruch der Wiese, üppig. feucht, den würzigen Geschmack der Luft, das Singen des Windes, das Ferne Rauschen der hohen Nadelbäume konservieren für immer. Als würde es etwas spüren. Wehmut spürt es und kennt das Wort noch nicht. Ein Druck im Hals, aufteigend aus der Brust, ein Ziehen von dort zu den Ohren, hin zu den Augen, der Stirn, ein Widerstand in den Beinen. Die stehenbleiben wollen.


Das Kind schließt das Tor, es steigt zu Mutter und Oma ins Auto, sie fahren los über den Schotterweg, durch ein Waldstück, das Knirschen der Steine unter den Rädern wird zu einem rauschenden Rollen auf dem Asphalt der Bundesstraße. Die Sonne scheint hell, der Himmel ist tiefblau ohne Zauberglanz. Die Wolken sind Wolken.


Mutter und Oma plappern, sind fröhlich, aufgeregt, angespannt.

Die Oma dreht ihren Kopf nach hinten, zum Kind, sie lächelt.


„Und morgen schon wirst du ein Schulkind sein.“


“And the seasons, they go round and round, and the painted ponies go up and down.“ (Joni Mitchell - „The Circle Game“)


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