
Born to be wild
- irmabelic

- 21. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Ich beobachte Gedanken:
Das Gehirn ist neuroplastisch.
Augenblicklich kommt mir Plastilin in den Sinn und ich assoziiere Hände, Körper, kneten, formen, Farbe, Temperatur, Geruch. Wie ein Bild liegt der Batzen Plastilin vor meinem inneren Auge. Aus allen Farben wurde grau, alle Farben sind jedoch noch immer darin enthalten, gut vermengt, in zarten Streifchen oder Fleckchen noch als grün, blau, oder rot, erkennbar.
Noch.
Formbar bleibt diese Masse, vom vielen Kneten ist sie warm, sie riecht, ist in ihrer Konsistenz verändert, anders als frisch aus der Schachtel, je nach Häufigkeit des Gebrauchs und der Beschaffung der Arbeitsfläche. Plastilin auf der Holzterrasse bei Sonnenschein geknetet fühlt sich anders an als jenes, das auf der Tischplatte in der Küche bearbeitet wurde, an einem Winternachmittag nach dem Mittagessen. Ich erinnere mich genau.
So laufen die Gedanken dahin …

Das Gehirn ist also neuroplastisch.
Während das Herz und andere Organe ihre Arbeit tun, ohne dass wir sie willentlich beeinflussen können, haben wir sehr wohl Einfluss auf unser Gehirn. Wobei ich gerade denke, dass das auch nicht ganz stimmt, denn ich habe von Mönchen gehört, die auf Grund ihrer herausragenden Meditationspraxis in der Lage sind ihren Herzschlag willkürlich zu beeinflussen. Das gelingt über wiederum ebenso herausragende mentale Arbeit.
Weil das Gehirn neuroplastisch ist kann es das. Das auch!
Es ist in der Lage einmal Erlebtes und Erlerntes neu zu bewerten. Es ist in der Lage lebenslang Neues zu erlernen. Es bildet Synapsen und verschaltet sie auf an Herausforderungen angepasste Art und Weise. Das Gehirn ist lösungsorientiert und arbeitet höchst individuell. Es sucht die bestmögliche Lösung für den jeweiligen Menschen. Notfalls kann es sogar die Wahrnehmung des Menschen an dessen Erleben anpassen. Es sorgt dafür, dass alles zusammenpasst. Innen. Individuell.
Das ist mir schon oft genug passiert. Ich spreche wahrlich aus Erfahrung. Jetzt, wo ich es weiß.
Das kann das Gehirn, denn es ist neuroplastisch.
Für andere Menschen scheint die individuelle Lösung oder notwendige Wahrnehmungsanpassung bezüglich einer Herausforderung, die das Gehirn eines Menschen gefunden hat, abwegig zu sein. Verrückt?
Andere Menschen haben ein anderes Gehirn. Ihre Hände, Nasen, Herausforderungen, Umgebung sind ebenso anders. Ihre Wahrnehmung ist daher diesem Anders angepasst.
Kein Plastilin ist wie das andere, wenn es einmal mit knetenden Körperteilen in Berührung kam.
Das Gehirn ist neuroplastisch von Anfang an.
Schon während der Schwangerschaft braucht das Gehirn des heranwachsenden Menschen Platz, Ruhe, Vertrauen, Sicherheit, emotionale und stoffliche Nahrung und es reagiert anfällig auf Stress. In diesem Stadium jedoch hat es bewusst noch keinen Einfluss auf die angemessene Regulation dieses Stresses. Es muss sich darauf verlassen, dass seine Wahrnehmungen und Reaktionen erkannt werden. Im besten Fall als das, was sie tatsächlich sind. Dringlich. Ernstzunehmend. Wahrhaftig! Zumindest oft genug im Laufe des Heranwachsen sollte das geschehen.
Wie im Batzen Plastilin bleiben Spuren sämtlicher Wahrnehmungen, Erlebnisse und Vorgänge vorhanden, wenn auch nicht immer sichtbar. Sie werden erst sichtbar, wenn die eine besondere Herausforderung auf den einen besonderen gespeicherten Vorgang trifft.
Da keine Herausforderung genau einer vergangenen gleicht, bildet das Gehirn neue Synapsen und verschaltet sie ähnlich wie zuvor, es wandelt auf bewährten Bahnen. So entstehen breite Verschaltungsstraßen, die wiederholt genutzt werden. Manchmal müssen sie minimal angepasst werden. Das geschieht unspektakulär und bleibt bei bewältigbaren Herausforderungen unauffällig.
Die Neuroplastizität des Gehirns sorgt für angemessene, lösungsorientierte, individuelle Anpassung.
Ist eine Herausforderung jedoch zu groß oder zu unbekannt für die oft erprobten und bewährten Lösungsstrategien des Gehirns eines Menschen, dann kommt es zu Komplikationen.
Hier hilft es nun zu wissen, dass das Gehirn neuroplastisch ist!
Dieser Mensch darf bewusst etwas anderes denken lernen, folglich etwas anderes tun lernen. Er darf etwas anders verstehen lernen, seine Wahrnehmungen anders deuten lernen. Wenn er es denn kann. Denn:
Das ist so schwierig wie mit dem Plastilin-Brösel-Körner-Holzspäne-Batzen etwas plötzlich völlig anderes formen zu sollen. Etwas, das man noch nie in Erwägung gezogen hat. Schon gar nicht mit dem zur Verfügung stehenden Plastilin und dessen speziellen Eigenheiten. Etwas, das nie in den Sinn gekommen wäre. Möglicherweise würde man einfach davonlaufen wollen. Oder den Batzen an die Wand werfen. Oder ….
Das schwierigste daran ist es sich selbst zu erlauben an die Neuroplastizität des eigenen Gehirns zu glauben. Und sie zu versuchen.
Das Gehirn ist außerdem zwar neuroplastisch, doch ist es auch nicht gerne allein mit seinen Wahrnehmungen und Lösungsvorschlägen.
Auch das dient dem Schutz des Menschen – vor Isolation, Ausgrenzung und Einsamkeit. Das Gehirn funktioniert sozial, fühlt mit, erwartet Mitgefühl und orientiert sich daher an sozialen Codes. Das ist schön aber manchmal eine weitere Schwierigkeit bezüglich Umgang mit ungewohnten und überfordernden Herausforderungen.
Für den Umgang mit Plastilin ist das egal. Auffällig diesbezüglich ist eventuell die individuelle Kreation der entstandenen Plastilinskulptur eines Menschen, die, möglicherweise plötzlich, vom gewohnten abweicht. Die in der Wahrnehmung anderer Mitspieler, möglicherweise ebenso plötzlich, ungewöhnlich wirkt.
Hier ist nun wiederum Neuroplastizität gefragt.
„It‘s a kind of magic“ - The Queen



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